Historische Badebedürfnisse

Die Meldungen über eine Durchfeuchtung des Daches bei dem im Jahr 1995 erbauten Hallenbades wirken erschreckend. Ein Konstruktionsfehler am Dach könnte eine Statikminderung des Gebäudes zur Folge haben und eine Schließung nach sich ziehen. Der Tourismus der Region braucht das Harzbad, und somit hofft Bürgermeister Frank Damsch auf die finanzielle Hilfe durch die Landesregierung. Wie wurde eigentlich früher in Benneckenstein gebadet?

Frank Damsch und auch Hans-Herbert Schulteß sind nicht die Ersten, die den Nutzen eines Bades für den Fremdenverkehr erkannt haben. Schon ihre Amtsvorgänger waren um die „Verbesserung der Badebedürfnisse“ bemüht. In dem aufstrebenden Luftkurort Benneckenstein war zu Beginn des 20. Jh. der Zustrom an „Sommerfremden“ enorm gestiegen. 1927 war die Modernisierung der Badegelegenheit für den Ort eine Frage der Ehre geworden, nachdem die Nachbarn in Hasselfelde, Tanne und Ilfeld zeitgemäße Badeanstalten gebaut hatten.

Angesteckt vom Slogan „Jedem Ort sein Freibad – ein Freibad fördert den Fremdenverkehr“, wurden zwei Ingenieure mit der Anfertigung einer Studie beauftragt. Zur Debatte standen mehrere Standorte. Die professionelle Untersuchung fiel zugunsten des Ausbaues des bisherigen Badeteiches an der Fischwiese aus. Alle Vorteile seien vorhanden: „Bewirtschaftung einfacher, mitten im Ort gelegen, Wasser genügend vorhanden, Abwärme des E-Werkes könnte eine angenehme Badethemperatur schaffen...“ Die Idee war es, vom Rappenberg eine Röhrenleitung zur zusätzlichen Wasserversorgung in die Fischwiese zu legen. Dr. Lange, Arzt im Kurhaus Tannenwald wies seinerseits auf die Notwendigkeit eines Ausbaues der städtischen Badeanstalt zum Kurbad und Kurmittelhaus hin. Seine mehrseitige schriftliche Ausarbeitung befasste sich mit „einer Badereform zur Entwicklung des Kurortes.“ Da aber auch in diesem speziellen Falle wiederum der Geist zwar willig - die Stadtkasse jedoch schwach war, ging die wohlgemeinte Badereform aus Gründen der Nichtfinanzierbarkeit 1931 selbst baden.

Nicht Wenige hielten den Abriss für einen Fehler - auch wenn mit dem Hallenbad das ganze Jahr Gäste lockten.Erst 1936 gelingt es dem neuen Bürgermeister Walther Bock in einer beispiellosen Selbsthilfeaktion, ohne staatliche und eigene Mittel, das Projekt doch noch zu verwirklichen. Bock macht Unmögliches möglich. Er verstand es, die gesamte Bürgerschaft zu mobilisieren, er organisiert Arbeitseinsätze vereins-, innungs- und betriebsweise, beschaffte Material, lässt Werbeveranstaltungen durchführen und beschäftigt 83 Erwerbslose, die er mit Sponsorengeldern entlohnt. 1.250 qm Boden sind auszuheben, mit Feldbahnwagen wegzuschaffen, Terrain zu begradigen, Bitumen und Beton aufzubringen und ein Sprungturm, sowie ein Zaun zu errichten. Teilnahme ist Pflicht. Entschuldigungen werden nur im Krankheits- und Todesfall entgegengenommen.

Vom Beginn der Arbeiten am 11. März bis zum ersten Wassereinlauf am Abend des 6. Mai sind es nur wenige Wochen. Die Einweihung am 15. Juni 1936 wird von allen mit großem Pomp gefeiert, und da das Geschehen von Presse und Funk über die Ländergrenzen hinausgetragen wird, will das „Beispiel Benneckenstein“ Schule machen. Aus ganz Deutschland treffen Anfragen ein, wie die Benneckensteiner es geschafft haben, ihr Bad selbst zu bauen!

Nach der Wende hat es die Stadtväter viel Mühe gekostet, die denkmalgeschützte Badeanstalt abreißen zu können, um an gleicher Stelle mit Hilfe von Fördergeldern das Hallenbad zu errichten. Jetzt bereitet dessen Erhalt große Probleme.

von Jürgen Kohlrausch