Wetterdaten: Heute jederzeit als App - vor 100 Jahren im Schaukasten am Postamt

Der tägliche Knopfdruck zum Abrufen von neuesten Nachrichten und Wetterdaten gehört heute zu den Selbstverständlichkeiten unseres Lebens. Die Prognosen über unser Wetter von übermorgen werden, der „himmlischen“ Satelliten-Unterstützung sei gedankt, dabei in der Regel mit ziemlicher Sicherheit und Perfektion getroffen. Dieses Luxus` können wir uns jedoch noch nicht lange erfreuen, und noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschränkte sich die Wettervorhersage auf die individuellen Auslegungen von Bauernregeln und des „100-jährigen Kalenders“ - auch in Benneckenstein. Ein Rückblick.

Erst im Sommer 1906 begann man im Regierungsbezirk Erfurt nachweislich, sich mit der Verbreitung aktueller Wetternachrichten auseinanderzusetzen. Damit sollten vor allem den Bedürfnissen der Landwirte Rechnung getragen werden, aber für die Harzer war diese Neuerung hinsichtlich des in Ausdehnung begriffenen Fremdenverkehrs von weit größerem Interesse.

Im Juni 1906 wurde über die Landratsämter damit begonnen, die Gemeinden auf den ins Leben gerufenen „Öffentlichen Wetter-Nachrichtendienst“ und dessen Nutzung hinzuweisen. Die Verbreitung der Vorhersage sollte als „Wetterkarte“ über das Zeitungsblatt, gegen einen monatlichen Preis von 50 Pfennigen, oder aber per Telegraphie über einen öffentlichen Aushang erfolgen.  Da der finanzielle Aufwand dem Benneckensteiner Stadtrat wohl zu hoch erschien, verzichtete man vorerst auf die Neuerung. Erst zwei Jahre später konnte sich die Stadtgemeinde dazu durchringen, die erforderlichen Finanzierungen zu leisten. In einem Schaukasten am Postamt wurden nun die Wettertelegramme ausgehängt.

Die Entscheidung, das Wetter seinen Sommergästen vom 1. Mai bis 30. Oktober eines jeden Jahres zu präsentieren, war dringend notwendig, um nicht als rückständig zu gelten. Binnen eines Jahres war Norddeutschland in zehn „Wetterdienst-Bezirke“ eingeteilt. In deren Dienststellen gingen an jedem Morgen durch Vermittlung der Hamburger Seewarte telegraphisch die Wetterbeobachtungen von etwa 70 über ganz Europa verteilte Wetterstationen ein. Aufgrund dieser verschiedenen Angaben über die europäische Wetterlage wurden die Wettervorhersagen für den nächsten Tag erstellt und über die Telegraphenanstalten an die Orte bis 11 Uhr morgens weitergegeben.

Bei der „Wetterkarte“ handelte es sich um eine vereinfachte Landkarte, mit Angaben zu Temperatur, Bewölkung, Niederschlag und Luftdruck, sowie eine „sachliche Schilderung der Wetterverteilung“. Von offizieller Stelle wurde 1907 für den Wettervorhersagedienst geworben, aber auch ausdrücklich darauf hingewiesen, dass dieselbe noch den Charakter eines Versuchs trage. Während in den genannten Jahren der Bedarf an Wettervorhersagen sich nur auf die Sommermonate beschränkte, wurde nach dem Ersten Weltkrieg in Benneckenstein auch plötzlich der Wunsch nach „wintersportlichen Wettermeldungen“ geäußert. Seitdem in Braunlage und St. Andreasberg die ersten Skiläufer auf „nordischen Schneeleisten“ in die Spur gingen, galt es inzwischen als „schick“, zum Wintervergnügen in die Berge zu fahren. Die Vermietung der Sommerquartiere in den Wintermonaten hatte sich inzwischen zu einem weiteren Wirtschaftsfaktor entwickelt.

Bürgermeister Quehl wollte auf Grund dessen trotz der schlechten Finanzlage Benneckensteins weder auf die Wettervorhersage noch auf Werbung verzichten. Ab 1920 gingen die Wetterberichte deshalb auch den umgekehrten Weg. Über die Zeitschrift „Der Wintersportler“, danach über das „Deutsche Verkehrsbüro Berlin“, konnte sich nun jeder potentielle Skiläufer in Deutschland über das Winterwetter in Benneckenstein informieren. Der Magistrat ließ die täglichen Werte der „Hauptauskunftsstelle der Reichszentrale für Deutsche Verkehrswerbung“ bzw. der „Öffentlichen Wetterdienststelle Magdeburg“ ebenfalls auf telegraphischen Wege zugehen und bediente sich dabei einer besonderen Verschlüsselungsliste.


Die Melder, die Kurverwaltung und ab 1936 Lehrer Bruno Ellinger, hatten somit die Aufgabe, ihre Beobachtungen vor dem Verschicken in sieben fünfstellige Zahlengruppen umzuwandeln. Neben dem Bau von diversen Sportstätten wie Sprungschanzen, Eis- und Rodelbahn, hatte nicht zuletzt die Verbreitung der Wetterberichte dazu beigetragen, Benneckenstein für zwei Jahrzehnte zu einem bekannten Wintersportplatz des Harzes zu machen.


von Jürgen Kohlrausch