Stipsterekens vergangener Zeiten: Original „Schrittmester“

Obwohl Heinrich Brodtrück aus St. Andreasberg zugezogen und auch schon früh verstorben war, so hat er sich doch vor etwa 100 Jahren in Benneckenstein den Status eines „Originals“ erworben. Viele Begebenheiten um seine Person als „Schrittmester“ werden als Stipstereken noch heute gern erzählt und belächelt. Seine „Unsterblichkeit“ hat er wohl seinem etwas ungewöhnlichen Erscheinungsbild, seiner Einfältigkeit, aber vor allem seinen riesengroßen Schritten zu verdanken.

Als junger Mensch hatte er im Bergbau jahrelang die Loren durch die niedrigen Stollen geschoben. Die Schwellenabstände waren seinen langen Beinen nicht angepasst. So gewöhnte er es sich an, mit einem Schritt zwei Schwellen zu überschreiten. Und diese sonderbare Gangart hat er zeitlebens beibehalten.

Heinrich Brodtrück war vom Lieben Gott nicht mit großen geistigen Gaben ausgestattet worden - aber für seine Tätigkeit als Straßenfeger und Grabmacher hat es allemal gereicht. Dreißig Jahre lang ist er zur allgemeinen Zufriedenheit seiner Arbeit nachgegangen. Über einen trockenen Humor muss er wahrscheinlich verfügt haben, sonst hätte er es sich eines Tages gewiss nicht einfallen lassen, zu den in der Bahnhofstraße stehenden Bürgermeister Kulbe, Postmeister Hintze und Nagelschmied Louis Hund zu treten mit den Worten: „So, nun sind mer vier Mestersch, Sie Herr Borjemester, Sie Herr Postmester, Du de Schmeedemester un ich de Schrittmester!“ Bürgermeister Kulbe hat ihm daraufhin lachend eine Zigarre spendiert.

Da er als gutmütiger Mensch auch oft zur Zielscheibe des Spotts geworden ist, sind viele Geschichten über ihn und seine Frau Berta bekannt, und über ihren kleinen „Willi“, den sie, wie man erzählte, in einer selbstgebauten Wiege „dumm un allewerrn gehotzt“ haben sollen. Das ihm 1923 beschiedene Ende hat er nicht verdient. Vielleicht ist er ein Opfer seines unstillbaren Appetits geworden, als er elendig an dem Verzehr eines verdorbenen Herings zugrunde gegangen ist.

Ein einziges Foto war alles bisher, was von Heinrich Brodtrück geblieben war - und ein von ihm signiertes originales Schreiben, welches sich in den städtischen Archivschätzen befindet. Darin hat er um eine Gehaltsaufbesserung gebeten, die ihm auch bewilligt wurde:

„Benneckenstein. 25. April 1904

Ich, Endes Unterzeichneter bitte mir etwas Lohn zuzulegen, da es bei jetziger Teuerungslage an allen was man gebraucht an Lebensmitteln oder sonstigem Haushaltsgebrauch mehr kostet wie früher. Bitte auch das Arbeitslohn eines Grabes um etwas zu erhöhen, da durch die großen Steine, welche auf dem Friedhof stehen, schwierige Arbeiten anstehen, wo ich mir dauernd Hilfe kriegen muß, welche mir oft mehr als die Hälfte kostet, als ich verdiene. Ich denke, keine Fehlbitte getan zu haben. Achtungsvoll, Heinrich Brodtrück.“

Auch Heinrichs Frau Berta hat sich in den Magistratsakten verewigt. Von ihr finden sich einige Bittschriften aus den Jahren um 1922/ 23, als die Lawine der Inflation besonders die sozial Schwächsten überrollte. Die ständigen Teuerungen veranlassten die kaum des Schreibens mächtige  Frau, sich an die Stadt als Arbeitgeber ihres Mannes zu wenden, um eine Lohnerhöhungen zu erwirken. Verzweifelt schildert sie am 24.August 1922 ihre Lage: (Originaltext).

„...Da mein Mann die Stunde 14 Mark verdint, möchte ich die Stadtverordneten fragen, was ich mit den Geld anfangen soll. Ein Brot ohne Marken kostet 86 Mark, 1 Pf. Markarine 150 Mark, 1 Zentnet Kartoffeln 550 Mark. Von den paar Pfennigen Lohn können wir nicht mehr bestehen...Da vergeht es ein noch zuleben. Achtungsvoll Frau Brotdtrück.“

Im Januar 1924 wird Heinrich Brodtrück in den Lohnlisten der Stadt nicht mehr geführt. Er hat, wie bereits erzählt, die Normalisierung durch die Einführung der Rentenmark zum Ende des Jahres 1923 nicht mehr erlebt. Vier Tage nach seiner tödlichen Fischvergiftung ist er auf dem Benneckensteiner Gottesacker, seiner langjährigen Wirkungsstätte, in aller Stille beigesetzt worden. Wahrscheinlich hätte er sich zusammen mit seinen Kollegen Heinrich Kittel, Karl Heimburger, Robert Mückenheim und Otto Hartmann gern noch ein paar Jahre des neuen „stabilen“ Stundenlohns von 35 Pfennigen erfreut.

von Jürgen Kohlrausch