Beim „Vogelschießen“ pfiffen die Kugeln

Wie viele andere Harzer Schützengilden kann auch die Benneckensteiner Schützenkompanie eine Gründungsurkunde nicht vorweisen. Wenn die Benneckensteiner Schützenbrüder und –Schwestern um Hauptmann Ulrich Scherzer trotzdem in diesem Jahr ihren 260-jährigen Geburtstag begehen können, so geschieht das auf Grundlage einer Erstnennung. Eine Erzählung aus dem Stadtarchiv von Jürgen Kohlrausch.

Diese Erstnennung befindet sich in den Magistratsakten und betrifft den Bau eines Schützenhauses am sogenannten „Örtchen", einem Wiesenstück unterhalb des „Postwinkels". Im März 1752 „offerierten sich der hiesige Bürger Johann Christoph Werner und der Hochgräflich stolberg-roßlarsche Unterthan, Wirt und Badermann Johann Andreas Michaelis aus Breitenstein sowie der Bader Nied aus Stolberg, den Bau zu interprenieren."

Hinweise älteren Datums sind leider nicht bekannt, obwohl mit Sicherheit davon auszugehen ist, dass die Schützentradition im preußischen Benneckenstein noch in weit frühere Jahre zurück reicht. Bezügliche Nachforschungen im eigenen Stadtarchiv brachten zwar bisher noch keine neuen Erkenntnisse, jedoch konnten einige andere Details in Erfahrung gebracht werden. So z.B. über die „Sicherheit beim Schießen", welche so einige erkennbare Defizite aufzuweisen hatte. Will man den polizeilichen Aufzeichnungen Glauben schenken, so müssen die Benneckensteiner Schützen wohl ziemlich wild und unbekümmert um sich geknallt haben. Aus einem Schreiben des Benneckensteiner Königlichen Oberförsters Brockenhaupt vom 2. Mai 1873 erfahren wir erstmalig, wie schlecht es doch um die Sicherheit in den Benneckensteiner Schießanlagen, die sich übrigens zur damaligen Zeit noch am heutigen „Cafe Tannenwald" befanden, bestellt war. Die Schießscheiben, so Brockenhaupt, ständen „ganz frei, so dass jede Kugel welche die Scheibe nicht trifft, in dem unmittelbar dahinter liegenden Königlichen Forstort Sandbrink" einschlüge. Weiterhin bemerkt der Förster:

„Ganz abgesehen davon, dass durch die massenweise dort einschlagenden Kugeln der Holzbestand geschädigt wird, ist es an den Tagen, wo Mitglieder der Schützengilde beim Schaaützenhause schießen, für das Forstpersonal und auch für Privatpersonen mit Lebensgefahr verknüpft, an jener Stelle den Forst zu passieren."

Der Beamte bat deshalb die Polizeibehörde, den Vorstand des Schützenvereins mit der Anbringung eines entsprechenden „kugelfesten Mantels" zu beauflagen, „damit das Einschlagen der Kugeln in den Königlichen Forst unmöglich wird". Danach sollte Oberförster Krebs aus Tanne als Sachverständiger hinzugezogen werden.

Die Kugeln schwirrten jedoch weiter durch den Königlichen Forst, und im August des darauf folgenden Jahres nahmen sich die beiden Benneckensteiner Fußgendarmen Pfordte und Staender der Angelegenheit an. Die Gesetzeshüter hatten in Erfahrung gebracht, dass der hiesige Kaufmann und Schütze August Bock, für die Schützenkompanie eine sogenannte „Sternscheibe" hatte anfertigen und in Gebrauch nehmen lassen. Diese Sternscheibe besaß einen eisernen Rumpf, von dem einzelne „Strahlen" ausgingen. Nach Meinung der Gendarmen war der Gebrauch dieser Scheibe durchaus gefahrvoll, „da die gegen den Rumpf und die eisernen Strahlen fliegenden Kugeln stets nach irgend einer Seite abprallen müssen, und so den Aufenthalt in der Nähe des Schießstandes gefährden." Obendrein wurde festgestellt, dass sich ebenso wie bei dem „früher stattgefundenen Vogelschießen" stets eine Anzahl Kinder unter den Scheiben aufhielt, um die herunter geschossenen Teile der Scheiben aufzuheben und diese dem Schützen zu überbringen. Das war aus Sicht der Polizeiverwaltung ein unhaltbarer Zustand. Doch der Verein war Maßregelungen nicht sonderlich zugetan. Warum nur die ganze Aufregung? Schließlich war „ja noch nie etwas passiert!"

Aber irgendwann gibt es bekanntlich immer ein „erstes Mal". Im Oktober 1878 war es, als die Schützen erstmals das Glück verließ und sich eine der Kugeln durch die Jacke eines Passanten bohrte. Landjäger Steinberg aus dem braunschweigischen Tanne erstattete Bericht:

„Nachdem mir erst jetzt zur Kenntnis gelangt ist, ist der Schmied Heinrich Hahne von hier, etwa am 6. Oktober d. J. nachmittags auf dem Fußwege zu gehen begriffen gewesen, und hat dieser etwa die Hälfte des Weges bis zum Forstorte Harteweg hiesigen Forstreviers zurückgelegt, als er sich plötzlich von einer Büchsenkugel auf die Brust getroffen fühlte. Die Kugel hat jedoch Körperteile des Hahne nicht beschädigt, sondern ist auf den Rockknopf des Hahne geschlagen und von hier durch das Tuch des Rockes bis in das Unterfutter gedrungen und stecken geblieben. Das Korpus delicti, eine deformierte Kugel, lag dem Schreiben bei.

Am 21. Februar 1879 beschließt die Polizeiverwaltung daraufhin, das Schießen auf „Flatter und Vogel" einzustellen. Die Vogelstange sei abzunehmen und zu verkaufen. In den folgenden 15 Jahren ist es zu keinen nennenswerten Vorkommnissen mehr gekommen. Aber dann geriet die Benneckensteiner Schießanlage noch einmal ins Zwielicht. Einem zufällig in Benneckenstein weilender Regierungsrat und Commissar war aufgefallen, „dass der in unmittelbarer Nähe der Chaussee befindliche Schützenstand nicht die genügende Sicherheit bietet, um das Publikum vor Gefahr zu schützen." Der Beamte reklamierte beim Landrat das „völlige Fehlen von Mauern oder Wällen zur Abgrenzung des Scheibenstandes", und dieser forderte postum einen Bericht von der Polizeiverwaltung in Benneckenstein. Man solle den Bericht binnen vier Wochen unter Beifügung einer Handzeichnung einreichen. Der Schützenhauptmann Röger wird diese Nachricht nicht mit Freude aufgenommen haben.

Am 8. September 1907 ereignete sich dann ein aktenkundiger Zwischenfall im Schützenhaus: Schneidermeister Louis Wille und Schmiedemeister Louis Spengler provozierten durch leichtsinnigen Umgang mit ihren Waffen einen Unfall im Schützenhaus. In der polizeilichen Anzeige heißt es u.a.:

„Die Obengenannten waren am 8.d.M. zum Schießen auf dem Schützenhause zum Schießen. L. Wille hatte eine Patrone in den Lauf geschoben, die Hülse war aber zu stark, so dass er die Patrone nicht wieder aus dem Lauf bekam. Schmiedemeister Spengler nahm nun zwei Fensterschrauben, setzte eine Schraube auf den Hülsenboden und schlug mit der anderen, um die Patrone in den Lauf zu treiben. Beim zweiten Schlag entzündete sich dieselbe. Die Fensterschraube schlug Spengler aus der Hand und drang mit dem Griff in die rechte Backe unter das Nasenbein des Wille, so dass die Wunde eine schwere war und vom Arzt behandelt werden musste."

Auch Spengler musste, wie Wachtmeister Haase weiter berichtete, eine Blessur hinnehmen. Ihm war der abgerissene Hülsenboden in den Daumen der linken Hand gefahren, so dass der Arzt genötigt war, eine Naht anzulegen. Die Kugel selbst war aus dem Fenster geflogen und nach sechs Meter in den Erdboden geschlagen. Die beiden Schützen mussten sich für ihren Leichtsinn verantworten. Sie hatten ihre Gewehre, entgegen der Vorschriften, im Aufenthaltsraum geladen.

Zu weiteren Unglücksfällen ist es an den alten Schießanlagen am „Sorger Postweg" dann nicht mehr gekommen. Im Jahre 1912 hatte Benneckensteins Wahlbürger Baurat Wilhelm Schmidt das gesamte Schützenanwesen aufgekauft, um sich dort eine Villa zu errichten. Ein neues Schützenhaus mit einem modernen Schießstand hat er dann auf eigene Kosten am Südausgang der Stadt errichten lassen. Und seitdem hat es auch keine Klagen über umherschwirrende Kugeln mehr gegeben.