Wie die Polizeistunde um Mitternacht in Benneckenstein eingeführt wurde

von Jürgen Kohlrausch

Obwohl die alten Benneckensteiner noch nie finanziell auf Rosen gebettet waren, so soll ihnen doch ein gewisser Hang zum Feiern und zum leichtfertigen Geldausgeben eigen gewesen sein. Hinweise darauf finden sich in Aufzeichnungen des öfteren. Ein Beispiel lieferte Oberförster Schlobach 1908, als er hinsichtlich der wirtschaftlichen Verhältnisse unter anderem bemerkte, dass die Benneckensteiner keine Rechner und Sparer seien sowie einer Putz- und Vergnügungssucht verfallen seien – was die für Benneckenstein bezeichnenden Zwangsversteigerungen zum größten Teil erkläre.

Eine Bestätigung dessen liefert ein Dokument, welches in den Akten der Polizeiverwaltung überdauert hat. Es handelt sich dabei um den nicht unamüsanten Brief eines damals ungenannt bleiben wollenden Benneckensteiner Bürgers. In diesem Brief beantragte der anonyme Schreiber die „Einschränkung der Nachtfreiheiten in den Wirthschaften“ – kurz gesagt: die Einführung der Polizeistunde um Mitternacht!

Der Schreiber monierte das Überhandnehmen der Unsitte, bis in den Morgen hinein zu feiern und bemerkte: „Die Wirthschaften verdienen zwar gut, doch das geht auf Kosten der Familien, in denen dadurch oft Armuth, Elend, Not und Unzufriedenheit einkehrt.“ An anderer Stelle hieß es: „Da ist z.B. der Saufverein Casino bei Herrn Koch (Wirt vom „Goldenen Stern auf dem Töpfermarkt – heute Wohnhaus Katzer) bei dem ist es doch alte Gewohnheit, daß jeden Vereinsabend bis Sonntagmorgen gesoffen, geflunkert und krakehlt wird!“ Einschränkend hieß es weiter: „Natürlich nicht alle. Es sind auch Mitglieder dabei, die rechtzeitig nach Hause gehen.“ Gewisse Leute aber zögen von einer Kneipe in die andere, so auch am letzten Wochenende, ...wo die ganze Bergstraße und Triftstraße (oberer Teil der Bergstraße) munter gemacht wurde durch die versoffenen Leute. Gäbe es eine Polizeistunde, wäre das alles nicht so schlimm. Natürlich würde sich so mancher dagegen auflehnen, besonders die Herren, die den besseren Ständen angehören und auch die Morgen-stunden lieben. Gegen diese sei wohl auch nichts einzuwenden, aber der Arbeitsmann und Vater solle sich schämen, seinen ganzen Lohn in die Wirtschaft zu tragen! So der Briefeschreiber.

In der Polizeibehörde sind die Klagen des wahr-scheinlichen Bergstraßen-Bewohners nicht ungehört verhallt. Denn schon im Januar des neuen Jahres befasste sich der Magistrat mit dem Problem und stellte fest, dass „an den bekannt gewordenen Zuständen wie Ruhestörung und grober Unfug auf den Straßen, diejenigen Wirte Schuld tragen, die ihre Locale gewohnheitsmäßig bis in die Morgenstunden zur Verfügung stellen.“

Am 13. Mai bestimmte deshalb der Magistrat, dass an den Sonnabenden alle hiesigen öffentlichen Gaststätten und Schankwirtschaften auf Grundlage des Gesetzes vom 12.März 1850 künftig um 12 Uhr schließen müssen. Die neue Gesetzesvorlage wurde auch um-gehend vom Regierungspräsidium in Erfurt bestätigt.

Wie es sich nun in der Folgezeit herausstellte, war mit der Einführung der Polizeistunde das Problem jedoch noch lange nicht aus der Welt geschafft. Die feierfreudigen Benneckensteiner wollten sich nämlich nur schwer zum frühzeitigen Verlassen der Gaststätten überzeugen lassen. Und auch die Wirte nahmen es mit den Bestimmungen nicht so genau. So z.B. Gastwirt Steffenhagen, dem nach mehrmaligen Verwarnungen wegen „Mißbrauchs der Schankkonzession“ schließlich die Öffnungszeit noch um eine Stunde mehr beschnitten wurde. Ernst Koch vom „Waldschlößchen“ wurde mehrfach verwarnt, weil „nächtliche Zusammenkünfte junger Leute beiden Geschlechts die öffentliche Ordnung und Sitte“ störten.

Auch Ernst Hartmann, Besitzer des Hotel Kronprinz, wurde energisch in die Schranken gewiesen. Er mußte außerdem sein Etablissement über die Osterfeiertage um 11 Uhr schließen, weil der Polizei zu Ohren gekommen war, dass er „weibliche Bedienungskräfte“ eingestellt habe. An Tagen weiblicher Bedienung werde in Zukunft generell die Polizeistunde auf 11 Uhr fest-gesetzt, teilte Bürgermeister Schoch mit und wies auf eine verschärfte Kontrolltätigkeit seiner Beamten hin.

Die Wachtmeister Hohmann, Gropp und Haase, Stadt-diener Kittel und Nachtwächter Remling hatten alle Hände voll zu tun, ihren allabendlichen Kontroll-pflichten nachzukommen. Besonders argwöhnisch beobachteten sie die Tätigkeit der Damen und ange-stellten jungen Mädchen.

Trotz allem musste im April 1910 konstatiert werden, dass: „...seit einiger Zeit in verschiedenen Localen hier die Polizeistunde offenbar nicht mehr beachtet wird. Bis in den frühen Morgen hinein sind hier die Gaststätten in Betriebe. Ruhestörungen und Trunkenbolde auf der Straße sind die Folge...“

„Vergebliche Müh`!“, meinte im Herbst 1910 der neu gewählte Bürgermeister Kulbe und ließ als eine seiner ersten Amtshandlungen die von seinem Vorgänger so vergeblich behütete Sperrstunde wieder aufheben. Ab dem 12. Oktober durften also die Benneckensteiner Nachtschwärmer wieder durchgehend feiern – und erstaunlicherweise ist es danach in den folgenden Jahren bis 1933 zu keinerlei aktenmäßig erfassten Beanstandungen mehr gekommen.