Mit dem Handwagen nach Magdeburg

von Jürgen Kohlrausch

Benneckenstein war nicht nur Stadt der Boxer, der Sanges- und Vereinsfreudigen, der Nagelschmiede, der Wilddiebe und der Preußenverehrer – nein, Benneckenstein war im 19. Jahrhundert auch die Stadt der Handelsleute und Hausierer. Hunderte von ihnen hat es in der etwa 4000-Einwohner-Stadt gegeben. In keinem anderen Harzort war dieses Gewebe so ausgeprägt wie hier.

Dr. Louis Wille nennt in seiner Chronik eine Anzahl von 1000 Handelsleuten für die Mitte des 19. Jhd. 1887 sollen es noch 754 gewesen sein. Noch im Dezember 1904 sind laut Akten des Stadtarchivs 104 Anträge auf Wandergewerbescheine in Benneckenstein gestellt worden. Grund für die so besondere Ausprägung des Hausiergewerbes in Benneckenstein war neben der geographischen Abgeschiedenheit des Ortes in einer preußischen Exklave vor allem ein plötzlicher Abbruch der holz- und eisenverarbeitender Kleinindustrie nach den Gründerjahren. Viele freigewordene Arbeitskräfte mußten sich neue Verdienstmöglichkeiten suchen. Sie fanden sie in dem meist nicht sehr gewinnträchtigen Hausier- und Handelsgewerbe. Nur einige von ihnen sind zu einem gewissen Wohlstand gekommen, die meisten jedoch haben ein entbehrungsreiches Dasein geführt. Monatelang waren sie in ganz Deutschland unterwegs, während ihre Kinder von Verwandten versorgt werden mussten. Das war kein romantisches Leben, und viele kleine Tücken und Hindernisse haben es manchmal den Handelsleuten noch zusätzlich erschwert - wie es am Beispiel der Handelsfrau Anna Lohoff zu ersehen ist.

Anna Lohoff war im Sommer 1903 mit ihrem Mann im Magdeburger Gebiet unterwegs. Ihr Mann lenkte das Pferdegespann, während sie die Waren mit einem Handwagen durch die abseits gelegenen Dörfer brachte. All die Jahre zuvor hatte sie statt des Wagens eine Tragekiepe benutzt, im Vorjahr hatte sie sich aber bei einem Sturz dermaßen verletzt, dass sie auf Anordnung des Arztes keine Kiepe mehr tragen durfte. Aus diesem Grunde wurde der kleine Handwagen angeschafft, und nun fuhr Frau Hoppe - erfreut wegen der körperlichen Erleichterung - erstmals im Raum Magdeburg die Waren mit dem Wagen aus. Leider hatte die Handels-frau aber vor Reisebeginn nicht daran gedacht, das neue Transportmittel in ihren Gewerbeschein eintragen zu lassen. Und so war es nur eine Frage der Zeit, von einem pflichtgetreuen Gesetzeshüter angehalten und wegen Verstoßes gegen die Gewerbeordnung fest-gesetzt zu werden. Im Juli ist ihr in Aken dieses Schicksal in Person eines solchen Wachtmeisters ereilt. Eine gehörige Strafe sollte sie zahlen.

Ihr Mann Louis war aber ganz und gar nicht gewillt, das Bußgeld zu entrichten. Schließlich handele es sich doch nur um einen kleinen Handwagen, der kaum mehr als einen Kiepeninhalt aufzunehmen imstande war. Der Benneckensteiner Handelsmann wollte es ruhig auf einen Prozeß ankommen lassen und teilte dies auch per Brief dem Magistrat zu Hause mit. Man solle doch die Sache solange zurückstellen, bis sie wieder zurück-kehrten. Louis Lohoff war der festen Meinung, sich nicht gegen die Gewerbeordnung schuldig gemacht zu haben, und er wolle sich schon verteidigen. Außerdem hofft er auf die Fürsprache des Magistrats.

Louis Lohoff konnte vermutlich seine Pferde gut im Zaume halten, dem Räderwerk der preußischen Gesetzesmühle jedoch war er nicht gewachsen. Der Prozeß am 6. August vor dem Schöffengericht in Aken ging zu seinen Ungunsten aus. Das Gericht bewertete den Handwagen nämlich juristisch als Fuhrwerk. Amtsrichter Küntzel verurteilte deshalb seine Frau „wegen Übertretung des §148 / No.7 der Reichsgewer-beordnung zu einer Geldstrafe von 1 Mark, im Nicht-eintreibungsfalle 1 Tag Haft. Obendrein waren die Kosten des Verfahrens zu tragen, die wohl unange-messen höher ausgefallen sein dürften. Louis Lohoff kam nicht umhin, im Anschluss den Gewerbeschein seiner Frau mit dem Zusatz versehen zu lassen: „Der Inhaberin ist es gestattet, sich bei ihrem Wander-gewerbebetriebe eines Handwagens zu bedienen.“