„Heißdampf-Schmidt“: Seit 100 Jahren Ehrenbürger

Foto: Stadtarchiv

Am 18. Februar jährt sich die Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Stadt Benneckenstein an den Königlichen Baurat Dr. ing. Wilhelm Schmidt zum 100. Mal. Wilhelm Schmidt war beruflich in verschiedenen Teilen Deutschlands unterwegs und ist 1908 in Benneckenstein sesshaft geworden.

Vom Schlossergesellen zum gefeierten Erfinder und Millionär war ein langer Weg, denn bekanntlich sind dem jungen Wilhelm Schmidt die gebratenen Tauben nicht in den Mund geflogen. Aus einfachen Verhältnissen stammend, sein Vater war Botengänger und seine Mutter Magd, musste der frischgebackene Schlossergeselle aus Wegeleben am Harz lange Zeit vergeblich in der Fremde nach seinem Zipfel „Erfolg“ greifen. Mittellos, außer einem erstaunlichen technischen Verständnis nur mit einer dürftigen Volksschulbildung, dem Segen seiner Eltern sowie einem Quantum Neugier und Wissensdurst ausgerüstet, war er quer durch Deutschland seinem Wunschtraum gefolgt, einmal zum „Kreis führender Männer“ zu gehören. Glückhafte Begegnungen mit Förderern seiner Person haben ihn letztlich zu d e m Mann gemacht, von dem man nach seinem Tode am 16. Februar 1924 sagte, er sei einer der größten Erfinder und eine der faszinierendsten Persönlichkeiten seiner Zeit gewesen.

Eine wesentliche Rolle in seiner Geistesentwicklung spielte dabei die schicksalhafte Bekanntschaft mit dem Neuen Testament, welches er während seiner frühen Wanderschaft 17-jährig von einem mittelosen Studenten erwarb. Biograph Gerhard Eggert schrieb: „Er begann es zu lesen und erkennt, dass er sein Lebensfundament gefunden hat.“ Er selbst bezeichnete „diese erste Zeit des Einlesens in die Bibel als seine Lebenswende.“ Dieses ideell wertvolle Buch der Bücher, das Schmidt stets bei sich trug und ihn bei all seinen Reisen und Entscheidungsfindungen begleitete, hat nun kürzlich den Weg nach Benneckenstein zurückgefunden. Der Heimatverein konnte es aus Schmidt'schen Familienbesitz erwerben. Das ist bemerkenswert. Zum Treffen der Schmidtfreunde am 28. Februar 2017 im Gemeindesaal soll es vorgestellt und kommentiert werden.

Seit 1906 war Schmidt Bürger der Stadt Benneckenstein

Als Wilhelm Schmidt nach etlichen Wohnsitzwechseln im Jahre 1905 Bekanntschaft mit Benneckenstein machte und sich zur Freude dessen Einwohner kurze Zeit später entschloss dort sesshaft zu werden, war er bereits im Besitz zahlreicher Patente, Firmenbeteiligungen und demzufolge Millionär. Von der gesunden Höhenluft und der ruhigen Lage des Städtchens versprach sich der gesundheitlich Angegriffene Genesung. In dem neu erbauten Vogel'schen Haus, Bahnhofstraße Nr.19 mietete er am 22. Januar 1908 eine Wohnung an und bezog diese mit seiner Ehefrau Martha, seinen 12- bzw. 16-jährigen Söhnen Martin und Paul sowie seiner Mutter, Johanna Schmidt. Letztere hatte seit 1905 in diesem Haus einige Sommeraufenthalte verbracht und wollte nun ihren Lebensabend im Hochharz verbringen. Das kleine Haus der befreundeten Vogel-Familie in der Bahnhofstraße konnte aber nur eine Übergangslösung sein. Oberhalb des Bahnhofes erwarb Wilhelm Schmidt deshalb ca. 60 Morgen Land, den Wald nicht eingerechnet, und erbaute dort sein neues, komfortables Heim.

Die Benneckensteiner hatten somit einen Mitbürger bekommen, wie sie ihn sich nicht besser wünschen konnten; Schmidt war genial, dazu warmherzig und die Großzügigkeit in Person! Man sprach später dankbar: „Seine nunmehrige engere Zugehörigkeit zu unserem Städtchen brachte ganz von selbst auch ein tieferes Eingehen seinerseits auf unsere kommunalen Angelegenheiten mit sich, und nicht selten fand die städtische Verwaltung bei ihm volles Verständnis in ihren Aufgaben und für ihre Nöte stets eine offene Hand. Das war ja überhaupt das charakteristische in der ganzen Persönlichkeit Wilhelm Schmidts, dass ihm... das Helfen und Unterstützen geradezu eine Lebensnotwendigkeit geworden war, ohne die er nicht sein konnte... Ganz besonders in der Kriegszeit hat er so manchem geholfen und auch der Gesamteinwohnerschaft hat er durch Beiträge zur Verbilligung zu Nahrungsmitteln usw. wertvollste Dienste geleistet, die es erklärlich erscheinen ließen, dass Magistrat und Stadtverordneten-Kollegium ihn am 18. Februar 1917 einstimmig zum Ehrenbürger der Stadt erwählten...“

Die Benneckensteiner Stadtväter konnten sich also glücklich schätzen, einen so großartigen Mann, dessen Haus außerdem in werbewirksamer Weise von Prominenten aus Kirche, Staat, Wissenschaft und Wirtschaft aufgesucht wurde, als Mitbürger zu haben. Und sie konnten sich vor allen Dingen über die nicht geringen Steuereinnahmen freuen, die seit dem Januar 1908 der Kämmerei zuflossen - aber deshalb Benneckenstein zu einem unliebsamen Konkurrenten der Stadt Kassel werden ließen. In Kassel war der Sitz seiner Heißdampfgesellschaft. Aber das ist wieder ein ganz anderes Thema.

von Jürgen Kohlrausch

2013 wäre Königl. Baurat Dr. Ing. h.c. Wilhelm Schmidt, Ehrenbürger von Benneckenstein, 155 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass präsentierte der Kultur- und Heimatverein zusammen mit Familie Tänzer erstmals zum Oldtimertreffen am 3. Oktober 2013 eine voll funktionstüchtige Dampfmaschine.
„Emma“ ist die einzige derartige Maschine in ganz Sachsen-Anhalt und wird einen Tag lang demonstrieren, wie auch in Benneckenstein in den diversen kleinen Familienbetrieben einst die Arbeitsmaschinen angetrieben wurden. Die Polizeiakten des Stadtarchivs sagen es aus: In Benneckenstein wurden zum Ende des 19. Jahrhunderts etwa 40 Konzessionen zum Aufstellen von stationären Dampfmaschinen für den Einsatz in den kleinen Holzwarenbetrieben, in den Sägewerken bzw. im städtischen Elektrizitätswerk ausgangs der Wildenbach vergeben.