Grenzöffnung 1989: Auf einmal ging es weiter

Offensichtlich gefälschte Kommunalwahlen, Montagsdemonstrationen und Bürgerforum: Am 8. November 1989 kam der friedliche Protest des Volkes direkt in Benneckenstein an. In der St. Laurentiuskirche kamen zum ersten Bürgerforum so viele Menschen wie niemals zuvor zusammen. Tage später erzwang das Volk die Grenzöffnung zwischen Hohegeiß und Benneckenstein. Ein Rückblick.

Den landesweiten Beispielen folgend, wollten auch die Benneckensteiner Bürger von dem bisher unbekannten Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machen. Ausgedienter Schlagbaum. Unzählige Menschen kamen Abend mit großen Einkauf zurück (Foto: Kohlrausch)Man diskutiert emotional, aggressiv, fordert Rechenschaft und lässt einige der im Altarraum zur Rede Gestellten hilflos erscheinen. Die Volksvertreter im Halbkreis vertreten nur noch sich selbst.

Die in der Luft liegende Ahnung von Freiheit wird ein Tag später in Berlin zur Realität. Nach der Maueröffnung in Berlin und auch im nahen Ellrich will man es nun auch in Benneckenstein wissen. Man ignoriert mutig die Sperrzonen-Verbotsschilder. Rüttelt am Tor des Grenzzaunes. Am Waldhaus bleibt das Tor zu. Der dortige Posten winkt ab: „Hier wird nie einer durchkommen. Hier ist alles zugewachsen."

"Das tritt nach meiner Kenntnis - ist das sofort, unverzüglich." Günter Schabowski am 9. November 1989 auf die Frage in einer Pressekonferenz, ab welchem Zeitpunkt das neue Reisegesetzt der DDR in Kraft trete.

10. November: Visumsausgabe bei der Volkspolizei in der Oberstadt (Foto: Kohlrausch)Beim Jägerfleck wird auch gerüttelt. Hier geschieht das Wunder. Am denkwürdigen Nachmittag des 12. November 1989 entlassen die Grenzer die andrängenden Menschen durch den Zaun, über den Graben in das Gebiet des „Klassenfeindes". Oder schon gar nicht mehr „Klassenfeind"? Zöllner und Hohegeißer Gemeindevertreter wirken nicht feindlich. Vorsichtige Annäherungen an „die Kollegen" drüben. Und auch verwirrtes Nachschauen der gen Westen entschwindenden Menschen, die eigentlich gar nichts anderes wollen, als „nur eben mal Hohegeiß zu sehen", vom dem sie bisher nur die Kirchturmspitze kannten.

In Hohegeiß begegnet man der unbekannten Situation mit offenen Geschäften und heißem Tee. Den vom Jägerfleck Gekommenen gesellen sich die von Ellrich hinzu. Bald ist das einsame Bergdorf hoffnungslos überflutet von neugierigen Menschen und hupenden Autos. Das ist sie nun, die Freiheit, jubeln die Einen. Das sind sie nun, unsere Landsleute von drüben, staunen die Anderen und klopfen auf deren Schultern und Autodächer. Um 23 Uhr ist in Hohegeiß wieder Ruhe eingekehrt. Dann sind die Massen brav zurückgekehrt durch den Zaun am Jägerfleck. Künftig wird man mit einem Visum unkompliziert über die neu eingerichtete Grenzübergangsstelle an der Benneckensteiner Straße in den Westen gehen können - wann immer man will.

19. November 1989: Erstes Fußballspiel zwischen Benneckenstein und Hohegeiß (Foto: Kohlrausch)Die Tage und Wochen fliegen dahin und lassen die Ereignissen sich überschlagen: Das „erste deutsch-deutsche Fußballspiel" am 19. November in Hohegeiß, die ersten Tuchfühlungen zwischen nach Gemeinsamkeit lotenden Vereinen und Gemeindevertretern. Am 22. November findet bei St. Laurentius mittlerweile das 4. Bürgerforum statt. 23. November: Die Grenzübergänge sind überlastet. Allein in Stapelburg passieren täglich bis zu 80.000 Menschen die Grenze.

An den Fußgängerübergängen bei Elend und Benneckenstein müssen Parkflächen für 3.000 Autos angelegt werden. Am 29. November sieht die Kirche in Benneckenstein ihr letztes, ihr 6. Bürgerforum. Am 3. Dezember fällt mit der Erstürmung des Brockens durch Ost- und Westharzer Heimatfreunde nun auch diese letzte Bastion des Kalten Krieges.

Hunderte Parkplätze musste provisorisch eingerichtet werden (Foto: Kohlrausch)Und als am 8. Dezember schon über Ein- oder Zweistaatlichkeit debattiert wird, Aufrufe „Für unser Land", Forderungen „Stasi in die Produktion" und Bekenntnisse „Wir bleiben hier" die Runde machen, jodelt die Benneckensteiner Trachtengruppe im Braunlager Eisstadion in die Mikrofone der Aktuellen Schaubude. Alles erscheint möglich. Egon Krenz dankt ab. Modrow und Kohl vereinbaren auf dem Weg zum Staatsvertrag eine deutsch-deutsche Vertragsgemeinschaft. Aus „Wir sind das Volk" ist „Wir sind ein Volk" geworden. Kommt nun die D-Mark?

Kein Krimi war spannender als die Berichterstattung der Tageszeitung jener Wochen und Monate. Und wir waren mittendrin im Geschehen. Der kommende 19. November bietet einen guten Anlass zum Erinnern.